Kapitel 11, Neustart

Bereits nach 4 Tagen habe ich das Boot mit allem eingerichtet was ich brauche oder mal gelesen habe, das man es an Bord haben sollte. Was ich nicht vor Ort bekommen habe, habe ich online bestellt. Ich hatte heute Vormittag sogar schon die erste Theorie-Stunde in der Segelschule, bei welcher ich hier in Lissabon den Yacht Master Schein in Englisch machen kann und werde. Den Motorboot Schein Binnen und See sowie den Segelschein habe ich in einem Kombi-Kurs während meiner letzen Monate in Deutschland im Düsseldorfer Yacht-Club gemacht. Diese sind Voraussetzung für die Zulassung zu diesem fortführenden, freiwilligen Schein und ich habe den Stoff aufgesaugt wie ein Schwamm. Wer hätte gedacht, dass ich am Lernen mal Spaß haben werde? In der Schule war ich so was von faul und gelangweilt und habe damals schon stets nach dem Minimalprinzip in Bezug auf zu erreichenden Erfolg und zu investierender Zeit gehandelt.

Zusätzlich zu den Lehrbüchern habe ich so ziemlich alles an Fachliteratur gelesen, was man zum Thema Blauwassersegeln bekommen kann. Ich hatte mir dazu jede Zeitschrift und viele Bücher über das Segeln und Boote gekauft, welche in Deutschland angeboten werden. Es war in dieser Zeit, abends im Hotel in welches ich sofort nach dem für alles hier verantwortlichen Gespräch mit meiner Frau zog und bis zum Schluss wohnte, mein einziger Ausgleich zu meinen vielen, in fest vorgegebener Zeit noch zu erledigenden Aufgaben. Jeden Abend entführten mich die Bücher und Reiseerlebnisse der Schreiber in neue Welten und trieben mein Fernweh in ungeahnte Sphären.

Es ist nicht leicht ein Leben aufzulösen. An allem hängen Emotionen und Erinnerungen. Ich definiere die Persönlichkeit eines Menschen mit der Summe seiner Erfahrungen. Dazu gehören viele persönliche Dinge die diese Erfahrungen immer wieder in die Erinnerung zurück rufen und vor allem Menschen. Es wissen außer meiner Familie und meiner Frau lediglich vier Menschen, was ich in den letzten Monaten in Deutschland mit meinem Leben gemacht habe. Nur diese wenigen haben meine neue Handynummer. Auf Facebook und G+ habe ich mein altes Leben und meine alten Kontaktdaten gelöscht und keine neuen hinterlegt. Somit bin ich für die Meisten nur noch über die Nachrichtenfunktion erreichbar.

Hier in der Marina habe ich W-Lan. Ansonsten kann ich mit meinem iPhone, iPad und Laptop auch das UMTS Netzt nutzen. Sogar ein Satelliten Telefon mit welchem man auch auf Hoher See telefonieren und Daten übertragen kann, habe ich an Board. Seit meinem Eintreffen hier habe ich aber lediglich per iPad die Geschäfte, welche ich für meine Besorgungen gebraucht habe gegoogle`t und auf meinem Laptop begonnen, das erlebte der letzte Wochen beim niederschreiben zu verarbeiten.

Selbst der neue Geschäftsführer, welchen ich in meiner Firma eingestellt habe scheint mit meiner kurzen aber intensiven Einarbeitung zu Recht zu kommen, er hat sich noch kein einziges Mal gemeldet. Er ist als einziger in der Firma in alles eingeweiht. Der Rest meiner Ex-Kollegen denkt ich wäre mit meiner Frau nach London gegangen und hätte die Firma an den neuen GF verkauft.

Dieser bekommt ein überdurchschnittlich hohes Gehalt und hat einen erfolgsabhängigen 3-Jahres Plan von mir als zusätzlichen Anreiz bekommen, welcher für ihn 10% Anteile der Firma im Falle des Erreichens bedeutet. Bei unseren garantierten Umsätzen durch die exklusiven Verträgen mit der Firma des „Alten“ nachdem er sich bei uns eingekauft hat, würde ihn das zum sofortigen Millionär machen. Wenn das mal keine Motivation ist, die nächsten 3 Jahre lang 80-Stunden-Wochen zu absolvieren um den Umsatz der letzen Jahre weiter zu steigern.

Ich verspüre überhaupt kein Interesse die Welt-Nachrichten zu lesen oder mal zu sehen, was meine Freunde und Bekannten in den sozialen Netzwerken gerade so von sich preisgeben. Welt, mach erst mal ohne mich weiter, es geht mir Bestens, auch ohne Dich.

Jeden Abend genieße ich den Sonnenuntergang bei einem Glass Wein und passender Musik aus meinem iPhone. Vorgestern habe ich sogar schon die erste Bekanntschaft in meinem neuen Leben geschlossen.

Ein ca. 65 jähriger Engländer sprach mich an, als ich mein Boot mit Einkäufen belud. „Wann und wohin ich denn ablegen würde?“

Wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte ihm etwas von meiner Geschichte. Sie schien ihm zu gefallen. Nach einer Stunde musste er sich verabschieden, da er eigentlich zum Einkaufen wollte und die Geschäfte gleich schließen würden. Er hat mich heute Abend auf sein Boot, welches ebenfalls hier in der Marina liegt zum Essen eingeladen. Frisch geduscht und in meinem neuen Lieblingsoutfit, Shorts, Flip Flops und als Gastgeschenk, mit einer Flasche Gin, destilliert in Bayern, welchen ich hier gezielt gesucht und zum Glück, jedoch erst im 2ten Geschäft und für einen ungeheuerlichen Preis, erstehen konnte mache ich mich auf den Weg sein Boot zu finden. Ich bin mal gespannt was er zum Gin sagt und vor allem zum Ort seiner Destillation – dem Ort meiner Herkunft.

Wir entdecken uns fast gleichzeitig. Er hat wohl nach mir Ausschau gehalten und ich sehe ihn schon von weitem vom Heck seiner bestimmt 20 Meter langen Yacht winken. Sichtlich gut gelaunt lädt er mich ein, an Bord zu kommen und begrüßt mich herzlich aber verry Britisch, nicht überschwänglich. Wir setzen uns in gemütliche, fest auf dem riesigen Achterdeck montierte Ledersessel an ein Ende des locker zehn Personen fassenden Tisches, welcher aber nur für zwei Personen eingedeckt ist. Er bietet mir ein eiskaltes deutsches Bier an und wir führen unser letztens so spontan abgebrochenes Gespräch, während eines unkomplizierten, sehr leckeren Essen, welches kurz nach meinem Eintreffen von einem externen Cateringservice gebracht und serviert wurde, fort.

Zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang bin ich zurück an Bord meines Bootes. Während ich in eine Decke gewickelt, bei einem heißen Kaffee auf den Sonnenaufgang warte, versuche ich den Engländer zu analysieren. Rhetorisch geschickt hat er fast alle Fragen zu seiner Person umgangen, während er mich mit Fragen gelöchert hat. Definitiv hat er was zu verbergen. Ich weiss lediglich, dass er früher bei der britischen Marine gedient hat und in der Nähe von London lebt. Jedoch mittlerweile die meiste Zeit auf seinem Boot verbringt, da er als leidenschaftlicher Segler lieber mit einem Boot als als Landratte unterwegs ist.

Ich bin gespannt auf unseren gemeinsamen Segeltrip, zu welchem er mich eingeladen hat, ihn zu begleiten. Er hat vor, in ein paar Tagen wenn der Wind günstig vorausgesagt wird, einige Tage die portugiesische Küste in nördlicher Richtung entlang zu segeln. Ich bin gespannt was hinter dem geheimnisvollen, sympathischen Engländer steckt und freue mich, etwas von einem richtigen, erfahrenen Seemann zu lernen.

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