Kapitel 10, Portugal

Die Sonne steht erst knapp über dem Horizont und blendet mich durch den nur halb herunter gezogen Sonnenschutz. Ich habe gerade auf meinem Sitz in der First Class für meinen Flug nach Lissabon Platz genommen.

Wann werde ich zurück kommen? Werde ich je zurückkommen?

Mit der Abwicklung meines bisherigen Lebens und dem Verkauf all meines materiellen Besitzes habe ich auch jegliche Verantwortung in meinem Leben abgelegt. Dies bringt mir eine, vor langer Zeit verlorene, fast kindliche Leichtigkeit zurück.

Ein mittlerer 7-stelliger Kontostand befriedigt mein typisch deutsches Sicherheitsbedürfnis und der kleine Abenteurer in mir freut sich auf das mir Bevorstehende.

Vor einigen Monaten noch mit Vollgas unterwegs am Steuerpult meines kleinen Karussells und nun, nur noch ich und 17 Kilo aufgegebenes Gepäck, welches fast ausschließlich aus Klamotten, besteht. So schnell kann es gehen, denke ich mir. Ein Filmzitat aus einem meiner Lieblingsfilme kommt mir in den Sinn:

„Erst wenn du alles verloren hast, hast du die Freiheit alles zu tun.“

Unser Gespräch, in welchem Sie mir mitteilte, dass Sie unsere Ehe verlässt, dauerte keine zehn Minuten und lief ruhig, sachlich und ohne emotionale Ausschweifungen und Einwände meinerseits ab. Sie wird einen hoch dotierten Job in London annehmen. Man wolle Sie unbedingt haben und das wäre ein riesiger Schritt in ihrer Kariere. Ich bin zwar die Liebe ihres Lebens aber irgendwie hätten wir uns im Alltag auseinander gelebt und sollten uns zukünftig eine Beziehung mit noch mehr Trennungen ersparen.

Während sich in den letzten Jahren meine Prioritäten stark auf mich und mein Privatleben verlagert hatten, in der Firma lief alles wie am Schnürchen und ein Rekordjahr folgte dem nächsten, schob sich auf ihrer Seite, seit Sie vor zwei Jahren den Direktoren Posten angenommen hat, Stück für Stück immer mehr die Arbeit in ihr Leben und beanspruchte immer mehr ihrer und unserer gemeinsamen Zeit und vor allem, ihrer Leidenschaft. Ich nahm mir immer mehr Freizeit und Sie jettete immer öfter und immer länger zu immer wichtigeren Terminen in immer weiter entfernte Länder.

Irgendwie konnte ich ihrer Argumentation nichts entgegen setzten. Oder wollte ich etwa gar nicht..?

Zu einer Beziehung gehören immer zwei und damit Sie funktioniert müssen beide alles was Sie haben und zwar unbedingt freiwillig und gerne in ihre jeweilige Waagschale werfen. Die Achse der Beziehung muss vom Gewicht des freiwilligen gebens so stark durchgebogen werden, das beide Waagschalen den Boden des Alltags berühren. So bleibt alles stabil und es entstehen keine Turbulenzen. Ab dem Moment, wo einer damit aufhört oder in eine andere Richtung gibt ist die Beziehung, in diesem Fall die Ehe mit der Liebe meines Lebens, welche ich niemals gesucht sie mich aber gefunden hat, dem Ende geweiht.

Ich bin fest davon überzeugt, alles auf der Welt unterliegt dem Prinzip des Ausgleichs. Auf Glück folgt Trauer in gleicher Intensität so daß am Ende, wenn das Eine mit dem Anderen vergolten werden würde, immer ein Ausgleich ohne Rest und Reue entsteht. Ich glaube, nur Drogen und Weisheit könnten dieses Prinzip verzerren, niemals aber aushebeln.

Ich habe Angst vor dem Donner, welcher schon bald dem Lichtblitz folgen wird. Er wird meine emotionale Seite zutiefst erschüttern. Für meine Eigenschaft punktuell emotionslos sein zu können bezahle ich stets einen hohen Preis. Ich hoffe, der „Donner“ kommt kurz und hart und ich bleibe nicht auf einem armseligen Melancholiker-Trip hängen! Viel schlimmer aber ist, dass das Gleichgewicht zwischen gut und böse in mir nicht länger reguliert wird. Mit ihr zusammen wollte und konnte ich dem sirenenhaften Klang der dunklen Tiefe meiner Seele meistens widerstehen.

Ich leere mein Glas Champagner, welches ich seit ca. 10 Minuten in der Hand halte in einem Zug, lehne mich entspannt zurück und schließe die Augen während der Flieger startet. Der Champagner schmeckt lauwarm und säuerlich-bitter doch nach kurzer Zeit breitet sich eine leckere, trockene Süße um meinen Gaumen aus.

Ich habe mir ein Boot gekauft und bin auf dem Weg nach Lissabon um es heute dort, in der Marina übergeben zu bekommen. Eine 45 Fuss Segel-Yacht. Kein vor Luxus strotzendes Statussymbol. Ein Modell von der Stange eines großen Yachtbauer. Eines wie sie zu hunderten über die Weltmeere segeln. Nur die Inneneinrichtung ist, wie bei einem Auto auch, genau nach meinen persönlichen Anforderungen aber alles innerhalb der angebotenen Zubehörliste des Yachtbauers, gestaltet.

Die Eigner- (Ja, gleich bin ich Einer) Kabine mit einem 2 x 2,20 Meter großem Bett und direkt davor mit einem kleinen mit Einbauschränken versehenen Ankleideraum. Einem großzügigen Bad, mit Duschkabine. Küche und Wohnbereich Standard aber mit allem was man braucht. Es gibt eine zweite Doppelkabine und ausreichend Stauraum sowie überdurchschnittlich große Tanks um auch mal einige Tage oder Wochen auf hoher See sein zu können.

Ich habe mir das Boot gekauft, um mich für meinen Deal mit „Dem Alten“ zu belohnen. Seine Yacht hatte es mir vom ersten Moment an angetan. Aber nicht der Luxus und, wie würde meine Frau so schön sagen, der „Pipi-Ersatz“. Nein, es hat in mir die Gedanken von grenzenloser Freiheit und die damit verbundenen Möglichkeiten entfacht, NEUE UFER zu entdecken. Dieser Schwelbrand hatte zur Konsequenz, dass ich unbedingt einen Schlüssel zur Türe in diese neu entdeckte Welt haben wollte. Ich hatte mir umgehend nach meiner Rückkehr von Sardinien einen Termin bei der Werft gemacht und nach einem kurzen Konfigurationsgespräch das Boot am Ende des Termins in Auftrag gegeben. Es sollte eigentlich nur ein neues Hobby werden, welchem ich mal im Urlaub nachgehe. Nun wird es für unbestimmte Zeit mein neues Zuhause sein. Wasser war schon immer mein Element. Es hat eine unglaublich beruhigende Wirkung auf mich. Am Meer habe ich mich immer und einzig irgendwie sofort zugehörig gefühlt.

In meinem Personalausweis klebt nun, wo vorher meine Adresse in Düsseldorf stand, ein Aufkleber mit dem Satz: „Ohne festen Wohnsitz in Deutschland“ Ich hatte noch nie so etwas wie ein ausgeprägtes Heimatgefühl und mein Patriotismus beschränkte sich ausschließlich auf die alle vier Jahre wiederkehrende Fußballweltmeisterschaft. Und selbst da habe ich mich mehr auf die in meinem Umfeld herrschende Spannung vor und die ausgelassene Stimmung nach gewonnenem Spiel gefreut. Gibt es auf einem offiziellen deutschen Dokument mit all seinen Regeln und Pflichten wohl eine bessere und gegensätzlichere Darstellung von FREIHEIT? – und ich liebe Gegensätze!

Nach der Trennungsoffenbarung verspürte ich als einzige Emotion den Drang abzuhauen und mich ganz weit weg zu verstecken. Pragmatisch und rational wie ich bin, habe ich ziemlich schnell den Entschluss gefasst, einen sauberen Strich unter allem zu ziehen. Ich blickte von oben auf mein Leben und Backbord Achtern strahlte mich eine kleine, in Kürze in Portugal entstehende Option an. Ich hatte mir Portugal als Übergabeort und Heimathafen für die Yacht ausgesucht, weil es am Atlantik liegt, die Flugzeit mit drei Stunden im Rahmen ist, und es weit genug südlich liegt um mir während meiner geplanten Aufenthalte stets gutes Wetter zu bescheren.

Der Übergabetermin der Yacht in einigen Wochen war mir schon lange bekannt und sollte mein Aufbruch sein. Auf meiner virtuellen To-Do-Liste erschienen sofort die Punkte, welche in der verbleibenden Zeit geregelt werden müssen. Mit der Buchung des One-Way Fluges, mit welchem am Tag X mein altes Leben enden und mein neues beginnen sollte, habe ich begonnen. Ich bin 36 Jahre alt. Ich hatte alles in meiner alten Welt. Es brachte mir keine Befriedigung. Es ist die Zeit gekommen, in neue Welten aufzubrechen und neue Ufer zu erkunden. Und ja, in der gegenwärtigen Situation laufe ich auch ein wenig davon. Ich habe Angst, wieder an den Punkt zu kommen an dem ich war, als ich Sie traf. Wenn ich da erneut hinkomme hält mich nichts und niemand nochmal zurück.

In einer Durchsage der Stewardess, welche mich aus meinen Gedanken reist, werden ich und die restlichen Passagiere erneut aufgefordert die Gurte anzulegen und den Betrieb elektronischer Geräte einzustellen. Die Landung steht unmittelbar bevor. Welcome Portugal. Welcome New Life.

Ein Taxi bringt mich vom Flughafen zur Marina. Mein Übergabetermin ist erst kurz nach Mittag und lässt mir noch ausreichend Zeit in einem Restaurant hier in der Marina, mit tollem Blick über die Molen, welches praktischerweise auch der vereinbarte Treffpunkt mit dem Vertreter der Werft ist, zu frühstücken.

Nach ausführlicher, fast fünf Stundend dauernder Übergabe und Einweisung des Bootes habe ich gerade noch genug Zeit in einem nahen Supermarkt einige Lebensmittel für das morgige Frühstück und eine gute Flasche Wein für heute Abend zu besorgen. Ich will unterwegs noch eine Kleinigkeit essen und dann den Tag bei einem Gläschen Wein an Bord mit dem Sonnenuntergang ausklingen lassen. Morgen geht es früh weiter. Auf die theoretische Einweisung folgt noch eine praktische bei einem Probeschlag vor der Küste.

Die Sonne ist soeben hinter dem Horizont verschwunden. Ich nehme noch einen letzten Schluck direkt aus der bereits zur Hälfte geleerten Rotweinflasche. Ein Glas zu kaufen hatte ich vergessen und das Boot ist ohne Hausstand übergeben worden. Zum Glück hatte ich mein Schweizer Offiziers-Messer, welches mich auf allen Reisen stets begleitet seit ich es mit 16 von meinem Eltern als Mitbringsel von einer Reise in die Schweiz mitgebracht bekommen habe dabei und musste den Korken meiner 76 Euro teuren Flasche Wein nicht mit irgendetwas spitzem in die Flasche drücken.

Ich gehe unter Deck, stelle den Wecker auf meinem iPhone, verkrieche mich in meinen Schlafsack direkt auf der nackten, noch eingeschweissten Matratze und falle sofort in einen tiefen Schlaf.

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