Prolog

Die Tram der Münchner Verkehrsgesellschaft hält mit einer Minute Verspätung um 07:46 Uhr an meiner Zielhaltestelle. Mir bleiben noch 13 Minuten um die letzten 300 Meter bis zu meiner Arbeitsstelle zu Fuss hinter mich zu bringen. Die plötzliche Erkenntnis das ich pünktlich da sein werde, zerstreut mein diesbezügliches, heute Morgen mit mir erwachtes, gedankenüberschattendes Angstszenario endlich.

Das dunkle Grau des bewölkten Horizont hat sich noch um keine Nuance erhellt, seit mich der Wecker an diesem Herbstmorgen um 05.30 Uhr aus einem unruhigen Halbschlaf gerissen hat. Ein eisig kalter Windhauch empfing mich jedes mal, als ich zuerst das Haus, dann am Bahnhof mein Auto, später den Zug und zuletzt die Tram auf meinem Weg in`s Büro verließ.

Als ich nach kurzem Endspurt ohne Schirm durch Gegenwind, von leichtem Schneeregen durchsetzt, endlich die Geschäftsstelle um 07.55 Uhr erreiche, stehe ich vor verschlossener Eingangstüre. Der Schock des absolut unerwarteten, gepaart mit dem abrupten Ende meiner gehetzten Schritte lässt bei mir augenblicklich am ganzen Körper Schweiss ausbrechen. Der eisige Wind durchdringt meine Kleidung als stünde ich nackt hier. Sofort spüre ich frostige Panik in mir aufsteigen.

Auch mehrfaches klingeln bleibt ohne Reaktion. Durch die Schaufenster des Schauraums blendet mich kaltes Neonlicht. Ich drehe und sehe mich um, kann aber weit und breit kein Leben ausmachen. Lediglich fahrende Autos und ein aggressiv hupendes darunter, kann ich in einiger Entfernung hören. Ich scheine der einzige Mensch weit und breit zu sein, der heute Morgen um diese Uhrzeit hier im Industriegebiet zu Fuss unterwegs ist.

Die Situation zwingt mich zum warten. Mir bleibt nichts anderes übrig. Es ist ja schließlich erst 07.58 Uhr.

Zwei gefühlte unendliche Minuten in eisiger Kälte später, ab 08.00 Uhr und mit jeder danach ablaufenden Minute in dem keiner meiner Kollegen hier auftaucht, wächst die Panik in mir unaufhaltsam. Ich will hier nicht sein. Ich schließe meine Augen und wünsche mir, jetzt nur noch ganz weit weg von hier und im warmen zu sein!

Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen ersten Montag im Oktober 1995. Mein erster Job. Mein erster Arbeitstag.

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