Kapitel 02, (M)eine neue Welt

Wie in einer neuen, anderen und besseren Welt sauge ich vom ersten Tag an alles erlebte in mir auf und hänge den Verkäufern an ihren Lippen wenn Sie mir heldenhafte Geschichten aus ihrem Verkäuferleben erzählen. Von mir sichtlich bewundert tun Sie das auch bei jeder sich ergebenden Möglichkeit.

Ich will alles wissen und lernen. Ich will auch so werden. Ich will mein altes, ängstliches ich abstreifen und in die heldenhafte Rüstung eines Verkäufers steigen. Ich will mir, wie in einem Rollenspiel alle Waffen in Form von Fähigkeiten aneignen um alles tun, alles erreichen zu können. Zum ersten mal in meinem Leben habe ich ein eigenes Ziel und fühle mich (heraus)gefordert.

Und meine Kollegen fordern. Täglich und viel. Ich werde jedes mal ins kalte Wasser geworfen. „Learning by doing“ bekomme ich nicht selten zu hören. Keinem liegt aber daran, mir etwas bei zu bringen. Eigentlich bin ich denen egal. Ich bin lediglich eine kostenlose Arbeitskraft und Unterhaltung, auf die jeder nach belieben zugreifen kann. Ich bekomme die Kundenreklamationen und Anfragen zu den verkauften Produkten hingeworfen und soll sie für die Verkäufer und auch irgendwie im Sinne der Firma lösen. Ich löse sie aber nicht nur irgendwie sondern versuche, mich aus Interesse und irgendwie auch instinktiv in die Gesamtsituation hinein zu versetzen. In die der Kunden, in die der Verkäufer und in die der Firma. Ich beginne schnell, proaktiv mit meinem Tun nicht nur das einzelne Problem zu lösen sondern auf das gesamte, größere Vertriebsziel hin zu arbeiten.

Und dieses heisst verkaufen. Umsatz machen. Rohertrag erwirtschaften. Die Wege sind zu dieser Zeit und dieser Firma egal. Hauptsache das monatliche, quartalsweise und jährliche Ziel wird erreicht – besser noch, übertroffen!

In diesem Job ist viel Geld zu verdienen und nach außen hin betrachtet sieht dieser Beruf aus, wie der Himmel auf Erden. Nur die wenigsten aber sind berufen. Es ist ein knallharter Job der alles von dir einfordert und dich verändert. Die Grenze zwischen Himmel und Hölle ist breit, verdammt hoch und nur sehr schwer zu überwinden. Bringst du nach 3 Monaten nicht das geforderte Umsatzziel bist du raus. Gefeuert! Schaffst du es in den 100% Club wird dir dein Leben durch Incentivegewinne und Sonderprämien noch mal so was von versilbert, das die Mitglieder ihren Stolz allen anderen permanent zeigen möchten und sich eine immer protzigere Lebensweise leisten.

In meinem ersten Jahr sehe ich viele Verkäufer kommen und die meisten auch wieder gehen. Von zehn bleiben keine 3 länger als ein halbes Jahr. Jeden frage ich aus. Will seinen Werdegang, seine Geschichte und seine Philosophie hören. Auch von den vielen gescheiterten Existenzen welche sich im Vertrieb versuchen, nehme ich viele ihrer Erfahrungen mit.

Zwar arbeite ich insgeheim darauf hin, dennoch kommt es für mich ziemlich überraschend, als mir der Geschäftsstellenleiter schon nach ziemlich genau einem Jahr das Angebot macht, zum Jahreswechsel als Junior Vertriebsbetreuer zu starten. Es gäbe eine Planstelle zu besetzen und er sähe bei mir das Potential zum Verkäufer. Anfang Dezember beginnt ein drei-wöchiges Vertriebs-Starterseminar in der Zentrale und ab Januar soll ich das Gebiet in Richtung und um meinen Wohnort übernehmen.

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