Kapitel 01, Verkäufer

Mit 18 Jahren, als schüchterner Mensch, welcher in seiner Erziehung mehr gebremst und sanktioniert anstatt gefördert wurde, hätte ich damals nicht im entferntesten für möglich gehalten, das Menschen aus Langeweile solche Sachen machen. Was sind das für Menschen? Welche Motivation treibt sie zu so etwas an und wo haben die diesen Mut her? Wird man so geboren oder kann man das lernen?

Meine neuen Kollegen haben mich schnell integriert. Meine devote Art gepaart mit meinem freundlich-naiven Pragmatismus passte perfekt zu deren vor Selbstbewusstsein strotzenden, stets (ein)fordernden Art. Oder hatten Sie einfach nur Mitleid mit mir?

In meiner Funktion als Vertriebs-Unterstützung im Innendienst wurde ich schnell von allen Verkäufern in ihre laufenden Projekte involviert. Schließlich war das Geld mit der Kundenunterschrift verdient und warum sich mit Service nach dem Verkauf aufhalten, wenn man in der gleichen Zeit auch Aquise betreiben kann. Und vor allem, wenn die Stelle der Vertriebsunterstützung endlich mal wieder besetzt ist.

Ich habe die Verkäufer von Anfang an bewundert. Waren Sie doch das absolute Gegenteil von mir – dem schüchternen jungen Mann der am Anfang seines Berufslebens stand und den noch so viele Ängste plagten. Niemals hatte ich bis dahin solch einen interessanten Menschenschlag erlebt. Immer perfekt gekleidet. Rolex am Handgelenk. Luxus-Sportwagen fahrend und die Armani Krawatte der neusten Kollektion meistens verdreht, mit Blick auf das Label, tragend. Selbstbewusstsein? Selbstverständlich!

Der absolute Höhepunkt meiner täglichen Erlebnisse während der Anfangszeit in dieser für mich so neuen Welt war aber das folgende Geschehnis:

Da der Geschäftsstellenleiter und die meisten Verkäufer kurz vor Weihnachten bereits im Urlaub waren, wurde ich vom besten Verkäufer des Hauses auf einen Termin zu einem seiner Großkunden mitgenommen. Uns begleitete noch ein Spezialist der Herstellerfirma und es ging für eine Präsentation zur 70 Kilometer entfernten Stadtverwaltung meines damaligen Wohnortes.

Nach erfolgreicher Präsentation, bereits auf dem Heimweg hielten wir in einer kleinen, nur von wenigen hundert Menschen bewohnten, mir bekannten bayrischen Ortschaft bei einer Metzgerei. Diese hätte wohl sensationelle Wurstwaren und tägliche Schlachtung aus eigener Zucht wurde mir erklärt. Wir parkten das Auto vor dem Geschäft und gingen alle drei hinein. Nachdem die ältere Dame in der Schlange vor uns bedient war und bezahlt hatte, kamen wir an die Reihe.

Auf die Frage der Verkäuferin: „Was darf`s denn sein?“ reagierte mein Kollege mit Gestikulationen seiner Hände und machte dazu lediglich stumme Mundbewegungen.

Nach einer wortlosen, weit jenseits des peinlichen Momentes andauernden halben Minute, die Verkäuferin bereits der Verzweiflung nahe, da sie offensichtlich nicht Verstand was der arme Herr ihr mit zu teilen versuchte, sprach mein anderer Begleiter: „Der ist Taubstumm. Meine Schwester ebenfalls. Ich kann übersetzen.“

Ich starr vor Entsetzten, beginnen die Beiden nun in aller Ruhe ihre Bestellung aufzugeben. Nach einigen Minuten kommen weitere Kunden ins Geschäft und es stellt sich, nach anfänglicher Verwunderung über die hier angetroffene Situation, sofort tiefes Mitgefühl für den armen Kerl ein, welcher offensichtlich nicht hören und nicht sprechen kann. Doch zum Glück kann ja der andere Herr die Gebärdensprache und übersetzt freundlicherweise. Keiner sonst sagt etwas oder bewegt sich unnötig. Alle haben Mitleid und sehen zutiefst beschämt weg oder auf den Boden. Nur einer gestikuliert stets mehrmals hintereinander und der andere übersetzt nach konzentrierter Beobachtung und nach gefühlt endlos langer Zeit. So folgt Ware um Ware. Nach ca. zehn verschiedenen Artikeln und gute 15 Minuten später ertönt der Satz: „Danke, das war alles!“ lautschallend in einer Stimme, die heute in diesem Laden noch nicht zu hören war.

Ein kollektiver Gruppenschock geht durch den Raum. Keiner rührt sich oder sagt etwas. Keiner versteht mehr die Situation und was hier soeben geschehen ist.

Unter den verstörten Blicken aller Anwesenden bezahlt der „Taubstumme“ in aller Ruhe und auf den Pfennig genau, verabschiedet sich lautstark und in aller Freundlichkeit und wir drei verlassen den Laden ohne auch nur eine Mine zu verziehen.

Was sind das für Menschen? Welche Motivation treibt sie zu so etwas an und wo haben die diesen Mut her? Wird man so geboren oder kann man das lernen?

Visit Us On Facebook