Feiges Aufbegehren

Ulf, Tim und Steffi sind nur drei von ihnen. Ihre leeren, an der Rheinufer-Promenade achtlos auf dem Boden entsorgten Starbucks To-Go Becher verraten mir ihre Namen, während ich sie in dem nur zehn Meter entfernt aufgestellten Mülleimer entsorge.

Drei der Verursacher, dieser um mich herum in erschreckendem Maße zunehmenden modernen Verhaltensstörungen, denen ich auf den täglichen Streifzügen durch meine Stadt begegne, haben plötzlich Namen bekommen. Und meine Wut auf und mein Unverständnis für einige meiner Mitmenschen ausreichend für das Niederschreiben der nachfolgenden Zeilen angefacht.

Es ist noch keine drei Monate her, dass eine, die alternative Szene der Stadt stark bereichernde, wöchentlich auf einer Rheinwiese stattfindende, elektronische Umsonst&Draussen-Musik-Veranstaltung wegen Vermüllung und Wildpinkelns zwangsbeendet werden musste. Und das, obwohl die Veranstalter Abfallcontainer und dutzende Dixiklos aufgestellt und mehrfach über alle Kanäle auf die möglichen Konsequenzen eines unverändert stattfindenden Fehlverhaltens hingewiesen hatten.

Wenn ich Montagmorgen, nach einem sonnigen Wochenende durch den Rheinpark und an der Rheinuferpromenade entlang jogge, sehe ich vermüllte Wiesen und Unmengen von achtlos zurückgelassenen Resten des erst kürzlich vergangenen, feuchtfröhlichen Wochenendgeschehens. Unübersehbar fallen mir überall die neuen, noch frischen meiner Stadt zugefügten Narben ins Auge. Vorsätzlicher, übermäßiger Alkoholkonsum hat den aufgestauten Frust der vergangenen Arbeitswoche an deren gefeiertem Ende in blindem Vandalismus entladen. Wer nicht enthemmt genug ist, auf andere los zu gehen, geht halt auf alles andere los. Und immer wieder steigt mir unvermeidbar, der süßliche Uringestank in die Nase, der dieser schändlichen Szenerie auch noch einen ekligen Beigeschmack verleiht.

Wir alle sind von Natur aus vernunftbegabte Wesen. Doch bei einigen kann ich die geistigen Strukturen aufgrund solch achtloser Handlungen nicht mehr gänzlich umreissen. Sicher – auch die moralischsten, aufrechtesten Menschen sind manchmal leider dem unangenehmen Teil ihrer Persönlichkeit ausgeliefert. Aber fällt nur mir, neben den Verursachern auf, dass da etwas gewaltig schief läuft oder sind alle anderen einfach nur besser als ich im wegschauen und verdrängen?

Wie taub muss ein vermeintlich intelligentes Bewusstsein für solch sinnlose Handlungen sein? Was treibt jemanden zu solchen Taten? Was stimmt nicht mit immer mehr Menschen? Oder steckt da mehr dahinter? Schließlich sollte man nie böse Absicht unterstellen, solange Dummheit nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann. Also mal ehrlich, was ist da los mit dieser Gesellschaft?

Als Abbild dessen, was die breite Öffentlichkeit als normal erachtet ohne es in Frage zu stellen, wird eine Gesellschaft bezeichnet – habe ich mal irgendwo gelesen. Dinge, über die man sich im Alltag keine Gedanken macht, ob sie nun richtig oder falsch sind. Zustände, die einfach und selbstverständlich als gegeben hingenommen werden – lautete es da weiter.

Diese Normalität – also auch unsere Gesellschaft – ist aber in ständigem Wandel. Das war sie schon immer. So war es zum Beispiel noch vor 200 Jahren vollkommen „normal“ und damit gesellschaftlich anerkannt, seinen Müll einfach auf die Straße zu werfen. In vielen Ländern entspricht das auch heute noch dem normalen Zustand. Aber ich spreche hier von Deutschland. Im Jahre 2015!

Wer oder was entscheidet denn nun heute, was normal ist? Wer oder was ist es, das die gesellschaftlichen Ansichten lenkt? Oder ist alles automatisch in Ordnung, solange sich keiner darüber beschwert, bzw. das dafūr zuständige staatliche Ordnungsorgan eingreift. War das schon immer so oder haben sich die Dinge, an denen sich unsere Gesellschaft orientiert, im Lauf der Zeit verändert?

Zwei der gefährlichsten und mächtigsten Dinge der gegenwärtigen Zeit sind Werbung und die Massenmedien. Sie zerstören den individuellen Geist, die Kreativität und den Mut der Menschen und ersetzen diese durch Misstrauen, Angst und Selbstzweifel. Sie versuchen die Gesellschaft zu manipulieren – und sind bestrebt, unser aller Meinung zu formen und uns zu ihrem Vorteil zu lenken.

Fernsehsender, Radio, Zeitungen, Magazine und die immer stärker wachsenden Onlinemedien erschaffen unsere „Normalität“. Sie allein haben unsere Gesellschaft seit einigen Jahrzehnten fest in ihrer kreierenden Hand. Die totale Kontrolle ist ihr Ziel. Durch unsere kostenlose Musikapp sagen sie uns was wir hören, mit unserer Essensapp was wir probieren und durch die Tageszeitung, welche Meinung wir uns BILDen sollen.

Rund um die Uhr über alle Kanälen prasselt diese Informationsflut ungefiltert auf die Menschen ein. Wird von ihnen gedankenlos konsumiert. Schürt damit ihre Angst. Beeinflusst ihr Verhalten. Manipuliert ihr Umfeld und damit ihre Realität.

Den Medien geht es in der Breite schon lange nicht mehr um Aufklärung, Informationsverbreitung oder gar um Bildung(sauftrag). Gnadenlos publizieren sie alles, mit dem sich so viel wie möglich an Konsumentenaufmerksamkeit erhaschen lässt, damit man diese dann immer an der Grenze des erträglichen, für möglichst teure Werbung unterbrechen kann. Die Gehälter und Abfindungen ihrer Bosse und die von den Aktionären jährlich erwarteten Rekorddividenden müssen schließlich irgendwie erwirtschaftet werden.

Ob Geld, Macht oder Anerkennung – nichts davon ist letzten Endes real. Es sind nur künstliche Werte. Geschaffen von cleveren Menschen, um die Scheinwelt in der wir leben, für sie und zu ihren Vorteil am Laufen zu halten. Um uns Menschen in unserem Mikrokosmos zu analysieren, uns in Klassen zu teilen und uns zu motivieren, deren System immer weiter zu nähren und ja nichts davon in Frage zu stellen.

Durch die undurchdringliche Masse an Informationen ist es kaum noch jemandem möglich, objektiv zu entscheiden, was wirklich wichtig und vor allem richtig ist. Wahrscheinlich will die breite Masse sich aber auch gar nicht mehr mit anspruchsvollen und wichtigen Themen beschäftigen. Entertainment und leichte Kost ist alles, was zum Abschalten heute noch gefragt ist. Nur nicht zur Ruhe kommen und sich mit den grundsätzlichen Dingen oder gar seinem eigenen Leben beschäftigen – ja nichts in Frage stellen und schon gar nicht die eigene Lebensweise oder deren Sinn.

Alles was vom Großteil der Gesellschaft heute noch maximal zu erwarten ist, sind fünf Minuten Empörung zu einem x-beliebigen Thema. Maximal fünf Minuten blankes Entsetzen über Abgasskandal, Flüchtlingspolitik & Co. Dieses noch schnell und bequem von der Couch in den sozialen Netzwerken zum Ausdruck bringen  – bevor es zurück geht zum Dschungelcamp, zur dopaminausschüttenden Online-Schnäppchenjagd oder anderen Sinnlosigkeiten, die allabendlich eine kurze Ablenkung vom gehassten Job bringen, in dem sie täglich und immerzu genötigt werden, sich zu unterwerfen und ihr eigenes Ego zu opfern.

Druck erzeugt Gegendruck. Mich wundert es also gar nicht mal so sehr, das immer mehr Menschen diesem Druck nicht mehr dauerhaft standhalten können und ihn in Form ihrer eigenen kleinen Rebellion in immer kürzer werdenden Zyklen entladen müssen. Fuck the System! Fuck you all! Hemmungslösende Substanzen rein. Ventil auf. Kurz mal kräftig über die Strenge schlagen und laut-flüsternd Anarchie schreien. Oder einfach nur mal den Müll neben der Tonne entsorgen..!? Ist das wirklich euer einziger (Aus)Weg von Aufbegehren?

Wechsele doch mal die Perspektive – weg von den gesellschaftlichen Werten, die uns aufbürden, was angeblich richtig oder falsch sein soll. Halte mal einen Moment inne, benutze deinen gesunden Menschenverstand und versuche unsere Gesellschaft nach den Regeln zu bewerten, die in der Natur seit Millionen von Jahren bestand haben – und funktionieren. Du wirst feststellen, dass wir Menschen uns in eine Parallelwelt haben hineintreiben lassen. In monotonen Großstädten lebt die Gesellschaft ihre fremdvorgegebene Realität – fast so als hätten die Menschen vollkommen vergessen, dass wir nur ein kleiner Teil dieses Planeten sind. Durch diesen permanenten Druck auf allen Ebenen zu funktionieren, sind wir auf dem besten Weg, sozial zu vereinsamen und emotional zu verkümmern. Oder was sagen Dir die Gesichter der Menschen, denen Du auf der Straße täglich in die Augen siehst?

Ungebremst, höher, schneller, weiter und ungeachtet jeglicher Konsequenzen betreiben wir einen Raubbau an der Natur, an den nicht erneuerbaren Ressourcen unseres Planeten und somit letztlich an unserer natürlichen Persönlichkeit selbst.

Grenzenloses Wachstum ist das mantrahaft gepredigte Ziel von Industrie und Politik, weil dies für sie der einzig, scheinbare (Aus)Weg ist, dieses pervide, von ihnen selbst missgewirtschaftete System vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Zumindest kurzfristig wird das funktionieren. Um die Konsequenzen sollen sich die Nachfolger kümmern. Hauptsache ihre Legislaturperiode verlief halbwegs angenehm und die Pflichtmonate für ihre Rente wurden abgesessen.

Diese Selbstherrlichkeit und Gier, die unsere Gesellschaft umtreiben, der in Stein gemeisselte Glaube, mit Gottes Segen alles besitzen und beherrschen zu können, was uns umgibt – diese Selbstherrlichkeit führt uns zu keiner glücklichen Zukunft und niemals zu einem Happyend. Das Gegenteil ist und wird der Fall sein. Bereits jetzt haben viele Menschen jegliche Demut verloren und verschließen, verständlicher Weise, immer öfter ihre Augen vor der Realität – zumindest bis das Fass mal wieder am überlaufen ist. Aber „schlimmer geht nicht“ heisst es ja bereits seit Jahrzehnten und trotzdem ging es irgendwie immer weiter. Doch in welche Richtung?

Dauerhafte Zufriedenheit und wahres, anhaltendes Glück kann durch Konsum, mit Geld und Besitzanhäufung niemals erlangt werden. Wenn  du das realisiert hast, verliert vieles wonach du gegenwärtig strebst, seinen Sinn. In einem industriellen Gesellschaftsumfeld, das von seinen Teilnehmern immer mehr und mehr fordert. In dem ständig die Schlagzahl erhöht und die Richtung neu vorgegeben wird, kann es nachhaltige Befriedigung niemals geben. Dieses Spiel soll, absolut gewollt, auch niemals ein Ende nehmen. Je teurer und schwerer die Zufriedenheit von Mal zu Mal zu erreichen ist, immer kürzer wird ihre Halbwertszeit, denn die Ziele werden mit jedem, von der Industrie neugeschaffenen Modetrend, immer wieder neu definiert. Konsumgüter, die gestern noch erstrebenswert waren, haben pünktlich zum Verkaufsstart der neuen Generation ihren Wert wieder verloren.

So ist die Gesellschaft in einer Endlosschleife gefangen und rennt, nicht anders als ein dummer Esel, fortwährend einer unsichtbar-faulenden Karotte hinterher, ohne ihr Tun zu hinterfragen, ohne sich gegen dieses triste Schicksal aufzulehnen.

Doch wie lange kann das noch gut gehen? Stehen wir noch am Anfang oder bereits kurz vor einem, mal wieder alles verändernden Zusammenbruch? Für mich ist jedenfalls eines klar: Wir haben uns auf einen falschen, gegen unsere Natur verlaufenden Weg treiben lassen. Und das sich immer stärker ins negative verändernde Verhalten vieler meiner Mitmenschen untermauert diese, meine These mehr als deutlich.

So sind wir Menschen halt – oder nicht?
Vielleicht waren wir immer schon so?
Vielleicht brauchen wir genau diese Führung.
Manche vielleicht. Viele ganz bestimmt und einige unbedingt!

Doch wahrscheinlicher ist es, dass der momentan (über uns) herrschende, hart erarbeitete Wohlstand selbst unser gegenwärtig größtes Problem ist. Diese kuschlige Trägheit, diese gemütliche Bequemlichkeit umschließt uns wie eine zentimeterdicke Bleiweste und verdammt uns, zusammen mit der allgegenwärtig geschürten Angst, zur hoffnungslosen Antriebslosigkeit – zumindest für uns selbst.

Nur nichts riskieren. Ja nichts Neues ausprobieren – einfach brav ducken, eingliedern und immer schön der Masse hinterher. Für eigene, intrinsische Ideen ist keine Zeit. Unser Mut ist schon lange verkümmert. Die Verantwortung unserer angehäuften Eigentümer und die aus Tradition gewählten starren Lebensmodelle engen uns massiv in unserer Freiheit ein und unsere Träume leben wir, wenn überhaupt, nur noch passiv aus, indem wir anderen dabei zusehen. Ihre Abenteuer in Büchern lesen oder bequem nebenbei die Höhrbuchversion konsumieren. Glücklich sein wurde als oberste Priorität verdrängt – das Einzige was zählt, ist nach den Maßstäben des Systems innerhalb dieses und für dieses selbst zu funktionieren.

Deine Lebenszeit und was Du daraus machst sind der einzig wirklich nennenswerte Wert in Deinem Leben. Und am Ende eines jeden Tages bleibt dir einer weniger – von wohl noch wie vielen?

Warum also weiterhin nach wirtschaftlichem und nicht nach emotionalem Wohlstand streben? Ich kann Dir nur raten, mal in Ruhe neu zu ordnen, was richtig oder falsch ist. Oder zumindest, die gegenwärtig (über Dich) herrschenden Verhältnisse zu überdenken. Für Dich. Nicht für Dein Umfeld. Schon gar nicht für die Gesellschaft, und nie zu Lasten anderer, sondern für Dich. Nur für Dich..!

 

WILLKOMMEN – dass DU bis zum ende dieses textes gekommen bist, zeichnet DICH, in meinen augen bereits aus. ich hoffe, DU wurdest gut unterhalten, bist nun vllt. sogar zum nachdenken über deine gegenwärtige situation angeregt und ich würde mich wahrlich freuen, wenn DU eines tages auf diesen, meinen text, eine für DICH positive veränderung zurück führen kannst.

deswegen schreibe ich & mache mein gedankengut jedem öffentlich & kostenlos zugänglich & da ich konsummanipulation durch werbung verurteile, wird diese seite auch weiterhin werbefrei bleiben – trotz der durchaus lukrativen angebote die ich permanent bekomme!

die infrastruktur, wartung und optimierung dieser seite allerdings kostet & das nicht wenig und auch die unzähligen cappuccinos in den vielen caffe`s, in denen ich bevorzugt & ausschließlich schreibe, gibt es für mich nicht umsonst..

..deswegen würde ich mich echt riesig freuen, wenn mein nächster cappuccino auf DICH geht:
https://paypal.me/pools/c/8eLeMwh1dc #DANKESCHÖN

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Veröffentlicht in 2015, Blog
3 Kommentare zu “Feiges Aufbegehren
  1. Sandra sagt:

    JA ! Sehr gut zusammen gefasst was auch ich in der Stadt erlebe.
    Bedauern und Entsetzen macht sich in mir breit wenn ich sehe wie der Mensch mit dem Geschenk des Lebens und der Natur umgeht.
    Warum er das tut: Gleichgültigkeit …Abgestumpftheit …Übersättigt …Gelangweilt …Keine Ahnung …aber nichts davon rechtfertigt dieses Verhalten ….

    Konsequenz? Für mich …weiß noch nicht ….raus aus der Stadt zu Menschen die Familie Freunde Natur zu schätzen wissen, ist für mich gerade eine Alternative …

    Ob es aufgeht …keine Ahnung !

    Und zum letzten Absatz: Auch ein 100%iges JA …mach es …
    Und mit wie wenig materiellen Dingen man glücklich werden kann, wenn es Menschen im Umfeld gibt, die einen glücklichen machen … Mit denen man gerne Zeit verbringt, hat mich erstaunt und nachhaltig sehr glücklich gemacht! Da wo das Herz zu Hause ist ..ist es wirklich am schönsten 🙂

    Fazit: Top auf den Punkt gebracht!

  2. Rosi sagt:

    Alter, widme dich doch mal höherer Literatur. Deine Blogeinträge sind geschwurbelte Oberflächlichkeiten, die als moralischer Beitrag auch im Vorabendprogramm von Pro7 laufen könnten😉!

  3. Sie schreiben mir da einiges von der Seele. Die saturierte Trägheit, die in Gleichgültigkeit entsolidarisiert – Hauptsache, MIR geht es gut und es findet sich stets ein kühles Bier im Kühlschrank, stößt auf!

    Und dass öffentliche Anlagen geschlossen bzw in der Nutzung für die Öffentlichkeit eingeschränkt werden, weil sich Feiernde wie die Axt im Walde aufführen und Müllberge hinterlassen, passiert auch hier in Frankfurt am Main.

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