日本

Der kleine drahtige Mann in seiner etwas zu großen blauen Uniform dreht sich um und verbeugt sich respektvoll, bevor er das Zugabteil verlässt. Lautlos schließt sich die automatische Tür hinter ihm und mein Blick fällt auf die Anzeige, welche 358 km in orangen, digitalen Lettern und noch einiges anderes, dies aber in einer mir nicht verständlichen Schrift anzeigt. Ein plätscherndes Rauschen zieht langsam zunehmend meine Aufmerksamkeit auf sich.

Mit einem Tastendruck auf „FLUSH“ beende ich den, für die Übertönung von möglichen Ausscheidungsgeräuschen gedachten, Dauer-Spülvorgang und drücke dann auf meine Lieblingstaste „SPRAY“, auf der mir mittlerweile wohl bekannten Schalttafel. Japan_SteuerungOhne nach unten sehen zu müssen weiss ich, dass ich auf einem Klo sitze. Aber nicht auf irgendeinem Klo. Seine beheizte Brille spendet mir wohlige Wärme, da wo ich sie nicht gewohnt bin. Während ich noch die Intensität und die Temperatur des mich massierenden und reinigenden Wasserstrahls mit der rechten Hand einstelle, bemerke ich einen stark zupfenden Widerstand, ausgehend von meiner linken Hand.

Instinktiv hebe ich sie an und damit auch die sich darin befindliche, fest umklammerte, ca. 1 Meter lange Angelrute. Ich ziehe damit einen ca. 25 cm langen, karpfenählichen Fisch aus dem Swimmingpool-großen, dunklen Becken vor mir. Japan_AngelnIch löse vorsichtig den Haken und entlasse ihn zu dem anderen, im am Beckenrand vor mir befestigten Setzkescher. Der bringt lt. der übergroßen, an jeder Wand um mich rum befestigten Infotafeln 250 Punkte. Nur noch 2 weitere Fische, dann habe ich 4 und damit 1.000 Punkte erangelt und darf mir etwas von der mittleren Reihe der in 5 Reihen neben dem Eingang aufgebauten Preiswand aussuchen. Sollte machbar sein. Ein Blick auf meine Uhr sagt mir, dass mir noch knapp 20 der mir für 1.500 Yen (ca. 11 Euro) erkauften 30 Minuten bleiben, während ich mich wundere, da ich auf Reisen niemals (m)eine Uhr trage..!?

Wie selbstverständlich schiebt meine beuhrte Hand zwei 1.000 Yen Scheine in den Automaten, und drückt meinem Wunsch entsprechend auf die mit kleinen bunten Bildchen des Gerichts versehenen Tasten, nachdem ich mir zuvor im Schaufenster vor dem LokalJapan_Speisekarte aus dem in Plastik visualisierten Essensangebot etwas ausgesucht habe. Meine Cola habe ich bereits an einem der unzähligen Automaten gezogen. Es gibt hier keine Straßenecke, wo nicht mindestens ein drei Meter breiter, hell erleuchteter Getränkeautomat steht. Mittlerweile ist mir geläufig, dass in den meisten Speiselokalen keine Getränke verkauft werden. Der Koch verbeugt sich so überschwänglich vor mir, als ich Ihm die beiden Bons in die Hand drücke, als würde ich ihm einen Goldbarren schenken. Ebenso wie es für das Gewicht eines Goldbarrens nötig wäre, benutzt er respekterweisend beide Hände um die briefmarkengroßen, grünen Zettelchen mit für mich nicht zu entziffernden Schriftzeichen entgegen zu nehmen. Auf mein Essen wartend, am Tisch sitzend fällt mein Blick durch ein Fenster zu meiner rechten auf ein beleuchtetes siebenstöckiges Hochhaus. Eines der unzähligen Karaoke Hochhäuser in dieser Stadt.

Japan_KaraokeWährend eine große Menschentraube im Eingang verschwindet, kommt nur zwei Eingänge weiter ein im Anzug gekleideter, mittelalter Mann aus dem Eingang einer Bar, um sich ganz selbstverständlich auf dem Bordstein zu übergeben. Genau so uninteressiert und reaktionslos wie dutzende Fussgänger den kotzenden Mann passieren, beobachte ich das mittlerweile des Nachts gewohnte, allgegenwärtige Schauspiel. Work Hard. Play Hard – solange du morgen früh pünktlich um sechs Uhr wieder zur Arbeit erscheinst und alles dir Mögliche für die Firma gibst.

Ein leichtes Rütteln an meinem Sessel reißt mich abrupt aus meinem Traum. Das Flugzeug wird rückwärts auf die Rollbahn geschoben. Mein Puls rast. Ein dünner Schweissfilm auf meinem Körper steigert die Kühlung der über mir, auf mich in maximaler Intensität blasenden Klimaanlage ins gefühlt 20fache und ein eisiger, meinen gesamten Körper durchzuckender Schauer holt mich vollständig in die Realität zurück.

10 schnelle Tage und 9 lange Nächste Japan. 6 Städte und ein Berg. Knapp 3.000 Kilometer in Zügen, Bussen, Bahnen und zu Fuss. Permanente, stakkatoartige Bombardierung aller meiner Sinne mit oftmals schockierenden, aber stets interessanten Eindrücken haben gezehrt. Japan_SauftourUnd die Sauftour von letzter Nacht mit ein paar Einheimischen durch Shibuya, von der aus ich heute morgen direkt zum Flughafen bin, haben auch meine allerletzten Kräfte restlos aufgebraucht. Niemals zuvor habe ich ein Land bereist, das uns Deutschen einerseits so ähnlich, während gleichzeitig noch mehr Gegensatz zu einer anderen Kultur und auch innerhalb dieser selbst, für mich nicht vorstellbar ist.

Das Flugzeug wird in Richtung Startbahn gedreht. Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Menschenformation wahr. Die gesamte Bodencrew hat in zwei Reihen hintereinander Aufstellung bezogen und verbeugt sich respektvoll. Nachdem der Kapitän mit leichtem Schub aus den Triebwerken das Flugzeug an der Parade vorbei gerollt hat, schließe ich leicht ergriffen wieder meine Augen. Sayonara Japan. Wir werden uns wieder sehen. Mir bleiben ab jetzt acht Stunden Flug Richtung Osten und drei entspannte Wochen auf Hawaiì – Zeit, weitere meiner unzähligen Eindrücke zu verdauen.
Japan_Hawaii

#Japan
#Reise
#Route:
#Tokyo
#Hiroshima
#Kobe
#Osaka
#Kyoto
#Yokohama
#MountFuji
#Sayonara

1.014 Aufrufe
Getagged mit: , ,
Veröffentlicht in Reiseblog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*


*

Visit Us On Facebook