TransAtlantik

Das Finden des ca. 30 cm langen Fisches in unserem Segelsack (Garage für das geborgene Großsegel) und damit auch die Quelle des süßlichen Gestank des Todes an Bord, löscht endlich auch noch den allerletzten Punkt von unserer imaginären Problemliste. Unser Segel muss seinen Flugkurs in einer der letzten, stürmischen Nächte gekreuzt und abrupt&endgültig beendet haben. Seine letzte Ruhe fand er, der Intensität des Geruchs nach zu beurteilen, wohl bereits vor ein paar Tagen. Gleich groß wie die langersehnte wärmende Wirkung der Sonne auf unsere erkalteten Knochen & Gemüter und ausnahmslos alle klammen Fasern an Bord nach ca. 40 Stunden Sturmfahrt bei starkem Regen mit bis zu 44 Knoten (1Kt=1,852km) Wind, ist auch ihre beschleunigende Wirkung auf den Verwesungsprozess dieses ersten (und nicht letzten) von unserer Segelyacht auf diese Weise gefangenen Flugfisches.

0P5 KopieBei starker Bewölkung mit Regen und lt. Wetterbericht keinerlei Aussicht auf Verbesserung der Segelbedingungen, sind wir vor 4 Tagen aus dem Hafen San Miguel auf Teneriffa mit Kurs Karibik ausgelaufen – mitten hinein in ein durchziehendes Tiefdruckgebiet.

Sturm

Dass ich mein erstes Mal auf einem Segelschiff ohne Landsicht, meine erste Nacht auf hoher See und meine erste Nachtwache während der drittletzten Wetterstufe (Sturm) vor Orkan (Stufe 12) erleben würde, stand so bei mir nicht auf dem Plan – und das auch noch mit einer mir gänzlich unbekannten Truppe, aus welcher sich doch erst mal in aller Ruhe eine Mannschaft bilden sollte.

Durch den anfängliche Sturm, welcher sechs Meter Wellen und permanent drehende Winde im Schlepptau hatte, war es unmöglich unseren geplanten Kurs gen West zu halten.

Als sich das Wetter am Morgen des fünften Tages endlich beruhigt hat und die Wolken auflockern, ist es uns erstmals möglich, unseren Standort auf der Seekarte zu bestimmen. Mit Erschrecken mussten wir feststellen, dass wir uns ca. 200 Seemeilen (1SM=1,852km) südlich von unserem geplanten Kurs befinden und uns bis auf ca. 170 Seemeilen an Mauretaniens Küste angenähert haben.

Der über Satellitentelefon abgerufene Wetterbericht verspricht für die nächsten drei Tage konstante 10-15 Knoten Wind aus NordOst und 5% Bewölkung. Beste Bedingungen also, um nach dem ungewollt turbulenten Start hier vollkommen anzukommen, sich zu erholen und endlich etwas einzuleben. Trotz starkem Dauerregen der letzten Tage&Nächte freue ich mich über meine erste richtige Dusche und endlich wieder in normale Klamotten zu steigen. Das Ölzeug hatte ich seit unserem Ablegen durchgehend an. Auch in den wenigen nichtwachen Stunden. Es hat nach 5 ungebrauchten Jahren, seinen ersten Einsatz bestanden. Unser Ziel liegt nun auf 250° Kompasskurs. 2.100 Seemeilen liegen noch dazwischen.

Bestimmt 40mal habe ich den Atlantik mit dem Flugzeug überquert. Doch um das Ausmaß unserer Erde zu fühlen, dazu gehört, am Boden zu bleiben. Wie soll ein Mensch die Weite des Atlantik erfassen, wenn er im bequemen Flugzeugsessel, vom HD-Entertainment abgelenkt, in 7 Stunden darüber hinweg jettet? Zu abrupt entlässt uns der Jet in eine fremde Kultur. Unter den Millionen von jährlichen Ozeanüberfliegern gilt es, den Übergang so angenehm und va. so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Betrunken oder schlafend? Am liebsten Beides! Ich habe genau diesen Übergang zu meiner Reise gemacht und mir damit einen weiteren Lebenstraum erfüllt.

An unserem siebten Tag, nach knapp 900 Seemeilen unter Segeln erreichen wir endlich den Passatwind, welcher um diese Jahreszeit konstant mit ca. 15-20 Knoten Wind in Richtung Westen weht und seinen steten Begleiter den Äquatorialstrom, welcher unsere Fahrt nochmals mit ca. 1-2 Knoten unterstützen soll. Eine legendäre Route, welche schon Christopher Kolumbus vor über 500 Jahren vor dem Entdecken der Indianer auf seiner Westkurssuche nach Indien benutzt haben soll und die heute wegen den i.d.R. konstanten, gleichmäßigen fürs Segeln fast optimalen Bedingungen einfach nur Barfussroute genannt wird.

Sonnenuntergang_2Am Ende eines jeden Tages wird der Begriff: „Der Sonne entgegen“ Programm. Zwar genau so schnell und doch völlig anders als beim Aufgehen, verschwindet die Sonne mit einem, die Wolken und den Horizont in ein überwältigendes Farbenspiel versetzendes Bild direkt vor uns im Meer.

Im Wellental, genau zwischen zwei, an uns von Steuerbord-Achtern (rechts-hinten) vorbeiziehenden Wellen hat es den Anschein, als würden wir in einer gigantischen, mehrere hundert Meter breiten und von der Sonne silbrig eingefärbten, Bobbahn dahingleiten.Sonnenuntergang

Fasziniert beobachte ich allabendlich die Szenerie in Bug voraus und habe das Gefühl, wir segeln direkt in ein, die gesamte Farbpalette von gelb und rot durchziehendes, sich allabendlich nur für uns einladend öffnendes, golden-glühendes Tor.
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Rotlichtbezirk-rot strahlt mich jede Nacht am Steuerrad die einzige Lichtquelle an Bord, die Beleuchtung des gugelhupfgroßen Kompass an Bord, an. Eine scheinbar nicht weg wischbare dünne Salzschicht verleiht unserem Richtungsweiser eine fettig, verwittert aussehende Patina und lässt das Rot metallisch wirken. Bereits nach wenigen Minuten stellt sich bei mir jedes Mal eine fast trance-artige Konzentration ein, und ich werde Teil dieses, unseres 12 Tonnen schweren Habitats. Ich kann die uns aus unserem Kurs schieben wollenden Wellen spüren und von mal zu mal besser parieren. Und jede Windböe wird mir durch das plötzlich hörbare, heller werdende Surren unseres Windgenerators, mit der passenden Aufschrift SILENT WIND, bereits Millisekunden vor ihrer Ablenkung durch unsere Segelfläche, akustisch angezeigt.

Sonnenaufgang

Wenn allmorgendlich der dunklen Schwärze das flimmernde Grau der Dämmerung folgt, die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne wärmend von Osten auf meinen Rücken treffen und die steife Kühle der Nacht aus meinen Gliedern vertreibt, ist das als wäre ich live und in erster Reihe dabei, bei einer seit Milliarden von Jahren alltäglichen, immer wieder statt findenden Geburt eines neuen Tages. Die Sonne schenkt uns 12 Stunden belebendes Licht und Wärme und wenn ich mir die chemischen Zusammenhänge und Auswirkungen dieses Wunders auch nur ansatzweise vorstelle und gedanklich weitertreibe, ergreift mich eine tiefe Ehrfucht und ebenso große Dankbarkeit an diesem, mir zumeist als selbstverständlich erscheinenden Wunders teilhaben zu dürfen. Trotz meiner wissenschaftlichen Aufklärung um die stattfindenden Vorgänge ist das für mich pure Magie.

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Auf mehreren Mittelmeertörns der letzten Jahre habe ich nacheinander bereits alle meine, in den unterschiedlichsten Farben schimmernden Plastikköder hinter dem Boot schleppend an meiner eigens fürs Segeln angeschafften Angel den Tuna, Makrelen & Co. einladend zum Biss angeboten. Leider blieben alle Bemühungen erfolglos. Hier, auf dem Atlantik haben an zwei Angeltagen 3 Mahi Mahi (Goldmakrelen) mit je ca. 5-6 Kilo und eine Gelbschwanzmakrele mit gut 4 Kilo unseren, aufgrund unseres Smutje Thomas unerwartet bereits respektabel exquisiten Speiseplans nochmal deutlich bereichert. Der Frust der vergangenen Mittelmeertörns ist verflogen. Der Platz für mein persönlich höchstes Angelziel, einen kleinen Thunfisch zu fangen, ist reserviert. Der für dieses Erlebnis eingeräumte Platz soll sich jedoch schon bald als viel zu unterdimensioniert erweisen. Doch dazu später mehr…

Noch voll von Adrenalin und Freude über den erfolgreichen Drill und der Landung meines ersten gefangenen Fisches an Bord, während ich versuche meinen blutverspritzenden, zappelnden Fang für den finalen Messerstich unter Kontrolle zu bringen, bin ich schier erschlagen vor Verblüffung, als Manuel mit einer Flasche Korn auf mich zu eilt. Will der auf den Fang jetzt etwa anstoßen? Er packt den wild zappelnden Fisch mit einem Lappen. Steckt den Hals der Flasche in den Mund der Makrele und beendet mit einem ordentlichen Schluck jedes, in starken, kraftvollen Schlägen zum Ausdruck gebrachte Leben auf einen Schlag. Zwar eine von vielen, aber sicherlich auch eine der interessantesten Erkenntnisse dieser Reise.

48Die sogenannte Atlantikdünung schiebt uns seit Tagen unermüdlich Meile um Meile voran. Langsam anrollende Wellen unterlaufen uns nun von beinahe Achtern im Abstand von ca. 3-400 Metern. Sowohl im Wellental als auch auf deren Kamm ist die uns umgebende Szenerie aus nichts als Wasser gewaltig. Die wie riesige Wattebäusche aussehenden und nur auf dieser Route vorkommenden Passatwolken geleiten uns wie durch eine Allee auf unserer tiefblaue Bahn Richtung Westen. Das Hochdruckgebiet, welches den anfänglichen Sturm abgelöst hat, bescherte uns die komplette letzte Woche traumhafte Segelbedingungen mit optimalem Wind und soll uns lt. Wettvorhersage mindestens noch die nächsten 3 Tage erhalten bleiben.

Unser 15ter Tag auf hoher See ist vor 4 Stunden angebrochen. Zumindest nach den Maßstäben der Natur. Hier an Bord ticken wir nach dem Rhythmus unseres Wachplans. Drei Stunden im 2er Team Segeln. Sechs Stunden frei. In der Sonnenunter- (18-21 Uhr) und -aufgangsschicht (6-9 Uhr) zu segeln, ist jedes Mal ergreifend. An Deck wird die verbale Kommunikation vollkommen heruntergefahren, und alle zelebrieren dieses Spektakel ehrfurchtsvoll und sichtlich ergriffen. Zwar gemeinsam, aber doch irgendwie auch jeder für sich. Über Tag zu segeln, macht einfach nur Spaß. Aber die beiden Schichten von 0-6 Uhr verlangen einem alles ab. Gerade am Anfang unserer Reise, bei Neumond umgab uns bereits 45 Minuten nach Sonnenuntergang eine totale wolkenverhangene, orientierungslose Dunkelheit. Die stundenlange Konzentration auf den rot illuminierten Kompass. Das permanente Bangen über die nächste überraschende, das Schiff auch schon mal überspülende Welle, die Konzentration auf das sofortige, möglicherweise überlebensnotwendige, den unsichtbar anrollenden Wellen plötzlich entgegenzubringendes Manöver, verlangt einem alles ab. Ich fiel jedes mal total ausgelaugt in meine Koje, aber mein permanentes Grinsen hatte seinen Ursprung ganz tief drinnen in mir. Die Tage vergingen wie im Flug und ich grinste definitiv jeden Moment davon.

„Was machen wir mit der Leiche, wenn jemand an Bord stirbt?“ war nur eine der vielen zu klärenden Fragen auf unserem Crewtreffen ca. 6 Wochen vor unserem geplanten Ablegen. Sicherlich das Worst-Case-Szenario aber keine unberechtigte Frage.

Die nachdenklich, leicht geschockt dreinblickenden Gesichter meiner Mitstreiter zeigten mir, dass in ihrem gerade ablaufenden inneren Film deutlich mehr Protagonisten mitspielen und die gedankliche Szenerie bei ihnen mehr Scorsese und bei mir eher einem Werbejingle glich.

Wird das o.g. Szenario also zu meinem unabwendbaren Schicksal werden und sollte auch 3 Tage nach meinem Ableben und bevor meine Mitsegler durch meinen sich zersetzenden Körper nasal belästigt werden, kein Schiff mit Kühlrauf positiv gewillt auf unsere Mayday-Funkrufe antworten, so werden meine sterblichen Überreste an einem der schönsten Orte, die ich bis dato kennen lernen durfte verbleiben und in das Element übergehen, welches stets die beruhigendste Wirkung auf mich hatte.

Schöner, ruhiger Ort. Letzte, immerwährende Ruhe. Kostenlose Bestattung. *Bing!Bing!Bing* Und ich grinse breit in die schockiert dreinblickenden Gesichter der anderen Anwesenden und sage (fast schon euphorisch): „Toll, ein Seemannsbegräbnis..!“
Am Ende, kurz vor unserem Ablegen haben sich dann aber doch alle, um jegliche Schadenersatzansprüche der Hinterbliebenden auszuschließen, schriftlich auf dieses einzigmögliche Vorgehen verständigt.

Im Vorfeld beschäftigten sich meine Gedanken neben der Vorfreude auf dieses Abenteuer auch mit der Frage des möglichen Negativen. Welche Geschehnisse und unabänderlichen Begebenheiten könnten mir evtl. in schlechter Erinnerung bleiben? Mit welchen Entbehrungen gegenüber meinem normalen Leben würde ich zurecht kommen müssen? Schließlich bin ich 4 Wochen auf 13 x 4 Meter mit sechs anderen Menschen quasi eingesperrt und mal eben rechts ranfahren und `n Taxi nach Hause rufen, ist nicht. Nun, ich wurde von der möglichen Enttäuschung enttäuscht.

Obst und Gemüse hatten wir die komplette erste Woche lang. Nudeln, Reis und Kartoffeln ausreichend sogar für 1 Woche extra. Reis mit Gemüse zu gegrilltem, fangfrischem Fisch ist mir ein Gedicht. Unsere Konserven (Gulasch und verschiedene Frikassee) wurden vom deutschen Metzger kurz vor Abflug gekocht und frisch eingedost und unsere Brotbackmischungen vom Bäcker in Deutschland vor Abflug frisch zusammengestellt und wasserdicht eingetütet. Unser, für unsere Verpflegung verantwortlicher Smutje Thomas betreibt neben seinem Seemannsdasein einen Cateringservice und ein Fertigdressing würde ihm niemals unterkommen. An dieser Stelle: Danke Thomas. Du hast die, vom mir eigentlich freudig erwarteten 15 Kilo Gewichtsverlust, welche auf solch einer strapaziösen Reise normal sind, auf lediglich 5 gesenkt. Ein für mich, der absolut nichts gegen kulinarische Qualität und Genüsse einzuwenden hat, im nach hinein betrachtet, durchaus akzeptabler Kompromiss.

Die 900 Liter Wasser inkl. Säfte, Cola & Co. an Bord waren ausschließlich zum Trinken gedacht. Für die Körperpflege nutzten wir das ausreichend vorhandene Nass, welches uns umgab. Ob Kommando „Arschbombe“ oder die auf dem Vordeck montierte Deckdusche. (Gartenschlauch mit Sprenklerdüse aus dem Ankerkasten) Meine Haut fühlte sich selten besser an, als nach dieser 4-wöchigen Salzwasserkur. Vielleicht hat auch das 12 Euro teure, 100% biologisch abbaubare Salzwasserduschgel und sein frischer, maritimer Geruch ihren Teil dazu beigetragen. Oder lag es vielleicht an der tollen Aussicht beim Duschen?

Zähneputzen mit Salzwasser, für einige meiner Mitsegler selbstverständlich, fand ich im Verhältnis zur gesparten Wassermenge dann doch etwas zu übertrieben. Ich habe es aber natürlich sofort mal ausprobiert und was soll ich Euch sagen: Ich bin dabei geblieben? Warum? Probiert es bei Gelegenheit doch einfach selbst mal aus..!

Nachdem eine 3 Tage anhaltende Fast-Flaute mit lediglich 5 Knoten Wind bei ca. 35 Grad Lufttemperatur unsere Nerven merklich strapaziert hat, grenzt unsere Freude fast schon an Euphorie, als der Wind am Abend des 18ten Tag wieder bis auf 20 Knoten zunimmt.

Wenn sich das Etmal (in 24 Stunden zurückgelegte Strecke über Grund) wegen ausbleibendem Wind plötzlich um 40% reduziert, werden aus zwei prognostizierten Tagen bis zur Ankunft schnell knapp doppelt so viele. Und das so kurz vor unserem Ziel.

Mit dem aufkommenden Wind dreht die Stimmung an Bord schlagartig um 180 Grad und wird mit dem Verkünden unseres besten, auf dieser Tour gesegelten Etmal an unserem vorletzten Tag, nochmal mächtig angefeuert.

Ein lautes, bis dato nie gehörtes hohes Surren durchbricht plötzlich unsere entspannte Betriebsamkeit. Ich eile zu meiner Angel. Die Geschwindigkeit, in der die Schnur von meiner Rolle gezogen wird, erschreckt mich mit einer furchtbaren Ahnung. Den blau-weissen Gummiköder in Tintenfischform ziehen wir seit Tagen ohne Biss hinter unserem Boot her und ich hatte die Angel schon gar nicht mehr im Sinn. Mit dem Wind sind wohl auch die Fische zurückgekehrt.

Ich drehe die Bremse fester und fester. Die erwartete Wirkung bleibt aus. Die Schnur wird Meter um Meter von meiner Rolle in den dunklen Atlantik gezogen. Ich hätte nie gedacht, das sich meine Rute in diesem Winkel biegen lässt. Die durch den Widerstand der Bremse erzeugte Reibungswärme kann ich deutlich spüren, und irgendwann glaube ich sie sogar zu riechen. Meine geflochtene Schnur hat 20 Kilo Tragkraft. Mein größter und zu meinem absoluten Erstaunen mit dieser Angel gelandeter Fisch war ein 105 cm großer Mahi Mahi. Dagegen muss das Monster am anderen Ende meiner Angel gut drei mal so groß sein.

Um mich herum hat sich in wenigen Sekunden die gesamte Mannschaft versammelt und beobachten meinen verzweifelten Kampf mit etwas großem, Unbekanntem. Ich kann ihre Spannung der willkommenen Ablenkung spüren.

Gerade als er die letzten Meter Schnur von meiner Rolle zieht, zeigt sich mir mein Gegner. Ein ca. 2 Meter langer Sailfisch schießt in all seiner Pracht gut einen Meter senkrecht aus dem Wasser. Von Ehrfurcht erstarrt verändert sich die Szenerie für mich augenblicklich in Zeitlupe. Ich kann seine silberblau funkelnde Maserung, sein riesiges aufgestelltes Rückensegel und die ca. 50 cm lange hornartige Verlängerung seines Schädels deutlich erkennen. Ich sehe direkt in sein riesiges dunkles, saphirblau funkelndes Auge. Ich habe wahrlich das Gefühl, er wollte sich nicht nur zeigen, er wollte auch mich mal kurz sehen. Ich erstarre vollkommen und bin so überwältigt von dieser faszinierenden Erscheinung, dass ich gar nicht merke, wie 3 Sekunden später das an der Rolle angebundene Ende meiner Schnur mit einem lauten Knall abreisst.

Mein Kopf, nur wenige Zentimeter neben dem 18 Meter hohen Mast, gebettet auf dem am Mitteldeck fest verzurrten Genacker-Segel, liege ich Nachts, kurz vor der Morgendämmerung, mal wieder an Deck unserer 13,6 Meter langen Yacht.

In meinem Blick, über mir und um mich herum, das von unzähligen funkelnden Sternen gesäumte nächtliche Firmament. Unter mir 5.000 Meter Wasser. Das nächste Festland, mehr als 2.000 Kilometer entfernt.

Konstante 15 Knoten Winddruck von Achtern in unseren Segeln schieben meine 12 Tonnen schwere Unterlage mit knapp 9 Knoten voran. In seidigem, silber-schwarz reflektiert der tiefe dunkle Ozean das helle Leuchten des exakt über mir stehenden Vollmonds. Hinten, unter uns blubbert die von unserem Kiel zerpflügte See deutlich hörbar. Die dadurch erzeugten Wellenkrater reflektieren kurz das weiße kalte Licht unserer achterlichen Positionslichter, während wir eine weiße, schäumende Spur durch das dunkle, nasse Element ziehen. Wie ein Messer, das schwungvoll fingerdick weiche Butter auf frisches warmes Brot schmiert, gleiten wir durch die sternenklare Nacht.

Durch unsere verhältnismäßig hohe Geschwindigkeit verschwinden die am Schiff zerrenden Seitenwellen ins beinahe Unbemerkbare. Dennoch kann ich spüren, dass der Steuermann ordentlich zu tun hat, um uns auf Kurs zu halten. Den Fliehkräften, die dabei an meinem Körper zerren, kann ich nur mit dem gesamten Reibungswiderstand meines Körpers, bei vollkommen flachem Liegen entgegenwirken. Bereits das kurze Anwinkeln meiner Knie ließ mich eben beinahe über Deck gleiten. Nur die zwei, sich LifeBelt nennende Gurte an meiner Schwimmweste, mit denen ich links und rechts von mir mit dem Schiff verbunden bin, verhinderten ein ungewolltes nächtliches, und mein wahrscheinlich letztes Bad.

Selten war ich mir der Gewaltigkeit der Natur und meiner verhältnismäßigen Winzigkeit wie in diesem Moment bewusst. Sollte die gegenwärtige Situation nicht irgendeine Form von Angst in mir hervorrufen?

Ich fühle in mich hinein. Mich durchströmen lediglich Wogen von Demut und sprudelnder Euphorie. Das wiegende Gleiten des Schiffes umgibt mich mit Geborgenheit. Und dann stellt sich auch schon wieder diese wohlige, gedankenfreie Zufriedenheit bei mir ein.

Buddha bleibt auch weiterhin mein engster Berater. Demütig gebe ich aber gerne zu: Neptun ist im Besitz wahrhaft göttlicher Macht&Wirkung.

Noch ein paar Fakten:
Start:
19. November 2014, 10.45h in Port San Miguel, Teneriffa
Erster Landgang: 10. Dezember 2014,  06.45h auf Union Island, Karibik
Karibik Tour: 10. Dezember 2014, Mayreau Island, 11. Dezember 2014, Tobago Cays, 12. Dezember 2014, St. Vincent, 13. Dezember 2014, St. Lucia
Finaler Landgang: 14. Dezember 2014, 13.00h Martinique
Heimflug:  28. Dezember 2014
Schiff: Dufour 44 Performance, Baujahr 2004
Mannschaft: 7 Personen auf 8 Kojen (Für mehr Stauraum)
Strecke Überfahrt: 2.938 Seemeilen/ 5.441 km (Bis Union Island)
Union Island – Martinique: 176 Seemeilen/ 326 km
Bestes/ Schlechtestes Etmal: 175/ 106 Seemeilen (In 24 Stunden)
Höchstgeschwindigkeit (GPS):  13,20 Seemeilen (Über Grund)
Durchschnittsgeschwindigkeit: 5,83 Seemeilen (Gesamtstrecke Überfahrt)

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