LOVE2GIVE

Niemals zuvor waren die Bedingungen für und die Nachfrage nach Liebe so gut und groß wie heute. Jeder will bedingungslos geliebt werden. Jeder will jemanden lieben. Und dennoch, trotz solch optimaler Bedingungen für einen ausgeglichenen Markt, erblüht eine Liebesbeziehung heutzutage immer seltener.

Von Natur aus, als soziale Wesen mit der Gabe zu lieben geboren, suchen wir nach Gesellschaft, Sicherheit und Geborgenheit. Mit jemandem an unserer Seite, mit jemandem mit dem wir unsere rar gewordene, private (Frei)Zeit verbringen und die Geschehnisse unseres Lebens teilen, ist alles doch noch um so viel schöner.

Doch woran liegt es, das obwohl alle die einzig wahre, große Liebe suchen und auch bereit sind, sie zu geben, mehr als jeder Zweite von uns in dieser Beziehung ein gefrustetes Dasein fristet? Jeder von uns spricht die Sprache des Herzens und jeder kann sie auch verstehen. Warum nur hören ihr so wenige immer weniger zu? Irgendwo zwischen Angebot und Nachfrage muss sich der Fehler eingeschlichen haben. Doch wie sieht er aus? Was ist das für einer? Früher gab es angeblich noch zu jedem Topf den passenden Deckel. Heute sehen Deckel in der Regel scheisse aus, ein Wok ist viel cooler als ein Topf und die meisten Pfannen halten sich für Low-Fat-Schnellkochgarer mit Bratfunktion.

Einst war die Beziehung zwischen Mann und Frau notwendiges Mittel zum Zweck. Die Aufgaben des (Über)Lebens wurden notwendigerweise geteilt. Kinder wurden als zentraler Lebensmittelpunkt geboren und dienten vorrangig als Investition in die Absicherung im Alter. Im Lauf der Zeit verschwanden Stück für Stück alle früher noch überlebensnotwendigen Gründe einer Beziehung bis hin zur perfekten auf den Single zugeschnittenen Welt der Gegenwart, bestehend aus portionsweise abgepackten Lebensmittel und 1,5-Zimmer-Wohnungen.

Viel zu schnell ließ sich unsere Konzentration auf neue Werte und Ziele lenken. Beruflicher Erfolg, Gesellschaftsstatus und die damit verbundene persönliche Unabhängigkeit wurden zum neuen, einzig erstrebenswerten Lebensziel. Die enorme Konkurrenz im Kampf um diese neuen Lebensinhalte verlangte uns alles ab, einschließlich unserer privaten Kapazitäten. Für Liebe war da plötzlich kein Platz mehr. Nur wenige haben den überteuerten Preis dieses Geschäfts durchschaut. Nur Einzelne gaben ihre Anfangsinvestition auf und haben einen anderen Weg, frei von faulen Kompromissen eingeschlagen.

Lange Zeit wurden wir glauben gemacht, Egoismus sei der Weg zum höchsten Grad unserer Persönlichkeitsentwicklung. Am vermeintlichen Gipfel dieser angekommen, haben wir versucht, alle natürlichen Bedürfnisse und Defizite durch den Erwerb von immer mehr Luxusgütern zu substituieren. Doch schon bald hat uns die emotionslose Kälte der Einsamkeit eingeholt. Doch einmal den Gipfel erklommen, will keiner wieder runtersteigen und seinen so hart erarbeiteten Platz auf- und abgeben.

Jeder noch so überzeugte Single hofft auf und sucht insgeheim das perfekt auf sich zugeschnittene wandelnde persönliche Spiegelbild, welches aber immer noch genug Individualität besitzen muss, um als Partner zu funktionieren. Und da wir keine Zeit für nichts, schon gar nicht für Hoffnung und den natürlichen Lauf der Dinge haben, nehmen wir auch dieses Problem gleich selbst in die Hand und beauftragen den Computer nach dem, von uns durch die Beantwortung eines kurzen Fragenkatalog, klar definierten perfekten Wunschpartner im Internet zu suchen. In einer Welt voller Lösungen und der Anforderung nach steter Optimierung muss es doch auch dafür etwas geben.

Bereits im Anfangsstadium einer Nachfrage, oft sogar bereits lange davor erkennt und/ oder erschafft die Industrie den Markt. Die Sehnsucht nach Liebe ist schon lange ein blühendes Geschäft mit Milliardenumsätzen. Hinter dem Deckmantel der Liebe wird über Serviceportale und Apps heute mehr denn je mit der Ware Mensch gehandelt. Manchmal entscheidet eine Maschine, wer zu wem passt und manchmal stehen zwischen einem Match lediglich 6 Photos, 500 Zeichen und meistens nicht mehr als eine Sekunde für eine Entscheidung.

Was aber wird da wirklich gesucht? Oder sollte die Frage lauten: Wann hat man, was gewonnen und welches Spiel wird hier überhaupt gespielt!?

Die meisten Singles haben zumindest ein klar definiertes Ziel, was sie suchen. Sie wollen den Partner fürs Leben. Den anderen Elternteil, um eine Familie zu gründen. Den zweiten Unterschriftengeber für den Kauf- und Finanzierungsvertrag fürs gemeinsame Wohndomizil, in welchem sie von nun an glücklich leben wollen, bis das der Tod sie scheidet.

Wenn mein Wasserhahn tropft, rufe ich einen Klempner, der ihn repariert. Wenn ich einen Menschen zum Heiraten brauche, um eine Familie zu gründen und ein Eigenheim kaufen will, suche ich mir dafür den bestmöglichen Partner. Soviel zum Plan, doch wo bleibt da die Liebe?

Sollte eine Beziehung nicht ausschließlich aus Liebe eingegangen werden? Sollte ein Kind nicht vor allem das physische Ergebnis, entstanden aus einer echten, natürlichen, leidenschaftlichen Liebe sein? Ebenso sollte es eine bewusste Entscheidung zweier Liebenden sein, eine Familie zu gründen. Gesellschaftliche Zwänge, Erwartungen und Vorbilder aus dem familiären und freundschaftlichen Umfeld sowie traditionelle Aspekte sollten doch bitte nicht die überwiegenden Impulsgeber dafür sein..!?

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet“ hat mal ein grosser deutscher Dichter vor langer Zeit geschrieben. Hat der Autor damals wohl bewusst Aspekte wie Optik, finanzielle Sicherheit und Fremdakzeptanz in seinem Satz nicht berücksichtigt, als er metaphorisch von „Herz zum Herzen“ als Ausdruck für Liebe schrieb? Lassen wir uns auf der Suche nach der Liebe wirklich nur von unserem Herzen leiten oder überhör(t)en wir es nicht all zu oft bei der Prüfung der vielen Punkte auf unserer rationalen, zumeist gesellschaftlich vorgegebenen Checkliste? Doch wer die Wahl hat, hat die Qual. Prüfe prüfe und lass Dir ruhig Zeit, denn müssen musst Du gar nichts, auch wenn Du herzlich gerne willst.

Einer der wahrscheinlich größten Verhinderer von Liebesgeschichten in der Gegenwart aber ist, dass der Mut wie bei den meisten Menschen nach Enttäuschungen der Angst gewichen ist. Viele haben zwischenzeitlich auch verlernt, zu lieben oder haben sich sogar mit voller Absicht vor ihren Gefühlen abgeschottet. Zu schmerzlich waren die negativen Erfahrungen. Zu groß der Schmerz der Enttäuschung und zu lange dauerte die Narbenbildung auf den hinterlassenen blutigen Striemen auf ihren Seelen. Zu kräftezehrend war der Weg zurück in die Normalität. Zu schwer das Gewöhnen an die Einsamkeit. Man hält sich besser bewusst in einem Beschäftigungstaumel oder stürzt sich sofort wieder in die erstbeste, mögliche Beziehung ohne erkennenswerte Zukunft, um nicht alleine sein zu müssen oder um sich nicht mit sich selbst und seinem Schmerz konfrontieren zu müssen.

Jeder will fliegen, dieses einzigartige Gefühl der Leichtigkeit im Bauch (noch) ein mal spüren. Doch ist die Angst des Misserfolgs bei vielen mittlerweile gewachsen, gealtert und gefestigt und will sich nicht so einfach überwinden lassen.

Werft Eure erlebten negativen Gefühle über Bord. Lasst sie hinter Euch zurück. Die Zeit verrinnt zu schnell. Das Leben ist so kurz und sowohl Freuden wie auch Schmerzen und Höhen und Tiefen gehören dazu. Beide Extreme sind Bestandteil des Lebens und lassen es uns erst intensiv spüren.

„Bis dass der Tod Euch scheidet“ ist ein zentraler Satz in einer, von allen Ledigen als Ziel angestrebten Zeremonie. Warum nur versuchen die meisten, sobald sie von jemandem den kleinen Finger als Zeichen der Bereitschaft gereicht bekommen, gleich die ganze Hand an den Ring zu ketten und etwas schönem emotionalen einen rationalen Rahmen zu geben? Ist die freiwillige Tat, die von Herzen kommt nicht um ein vielfaches wertiger als die Aktion unter Zwang? Warum also aus etwas freiwilligem, natürlichen einen gesellschaftlichen Zwang machen? Warum nicht mehr im persönlichen Heute leben, und weniger dauernd an Morgen und immer zuerst an die Anderen denken? Das ganze drum rum ist doch nur die Verpackung. Selten sind Inhalte und Qualität wichtiger als in Liebesdingen. Lasst Euch gerne in allen anderen Dingen, weiterhin von der Gesellschaft und dem Marketing manipulativ inspirieren.

Um über seine Gefühle sprechen zu können, muss man sie erst mal (er)kennen. Meist ist in unserer heutigen, hektischen Zeit gar keine Zeit übrig, um mal in Ruhe in sich hinein zu fühlen. Zu stark ist unser täglicher Tagesablauf von staccatoartigen Reaktionen auf irgend welche stupiden Anfragen geprägt. Unser Pflichtbewusstsein treibt uns unermüdlich an, das eigentlich niemals, sondern erst durch unsere Erschöpfung endende Tagesprogramm, zu leisten. Wo bleibt da die Zeit, jemanden kennen zu lernen, oder ihn zu erkennen wenn er (vielleicht schon?) da ist? Wie und vor allem wann sollen wir erkennen, ob man nicht vielleicht plötzlich doch lieber mit dieser einen Person zusammen, als alleine ist? Wo bleibt die Zeit, zu fühlen und zu erkennen, ob da vielleicht mehr als nur eine Bekannt- oder Freundschaft ist.

Wo ist der Mut geblieben, sich seinen Gefühlen hin zu geben, sich mitzuteilen und sich einem anderen Menschen zu öffnen? Wieso ist da statt dessen so viel Angst vor eventueller Zurückweisung? Wieso hören wir nicht einfach mal auf unser Gefühl, trauen uns und gehen in Vorleistung? Statt dessen spielen wir. Taktisch und auf Zeit. Jeder (er)wartet, das der andere zu erst aus der Deckung der Unverbindlichkeit kommt. Liebe braucht viel aktive, gemeinsame Zeit, um zu wachsen. Sie nährt sich einzig vom gegenseitigen Geben. Sie entwickelt sich langsam, und zumeist in entgegengesetzter Richtung als oberflächliche Verliebtheit in rationale Fakten das in den häufigsten Fällen tut.

Wer hat schon mal das Gefühl bedingungsloser Liebe gespürt? Wer ist schon mal mit seinen Schmetterlingen im Bauch geflogen und hat diese unbeschreibliche Leichtigkeit des perfekten Moments erlebt? Um aber fliegen zu können, muss man sich weit aus dem Fenster lehnen, sich trauen und letztlich (ab)springen. Man läuft Gefahr, zurück gewiesen zu werden. Zu fallen. Das tut sehr weh. Aber für solch einen Flug lohnt es sich, sich immer wieder zu trauen und wieder und wieder zu springen.

Ich habe bedingungslose Liebe erlebt. Und ich werde wieder springen, wenn sich mir (m)eine Gelegenheit bietet. Diese sind selten. Es gibt nur wenige, wenn nicht nur eine einzige dieser speziellen Konstellationen im Leben. Ich jedenfalls gehe mit offenen Augen durch mein Leben und werde meine Chance(n) nutzen..!

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Veröffentlicht in 2014, Blog
3 Kommentare zu “LOVE2GIVE
  1. Julia C. Schmitt sagt:

    Hi,

    Schöner Gedankensammelplatz.
    Da waren einige Denkansätze die mir gut gefallen haben.

    Weiter so!

    Lg, julia

  2. Denise sagt:

    So wahr ॐ

  3. Suad sagt:

    Sehr gute Gedanken und vor allem Fragen. Gefällt mir vor allem, weil diese so alt sind wie die Menscheit selbst 🙂 Das einzige was sich verändert hat, sind die Konditionen und Formen. Das Prinzip ist jedoch unverändert geblieben. Ein Impuls, eine Frage meinerseits: Was ist die Definition von „Bedingungsloser Liebe“? Vor allem in der Zeit und Geselchaftsform in der WIR heute alle leben?! Falls es überhaupt definierbar sein sollte, wäre diese auf die Allgemeinheit übertragbar oder bleibt sie doch atomar und somit subjektiv…Ergo, ein möglicher Fehler in der Gleichung???

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